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Wer in Deutschland nixtamalisierte Tortillas herstellt — und wer nur so aussieht
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Wer in Deutschland nixtamalisierte Tortillas herstellt — und wer nur so aussieht

24. Sept. 20268 Min. Lesezeit(Aktualisiert: 29. Sept. 2026)

Die bekannteste Bio-Nixtamal-Marke in deutschen Mexiko-Shops kommt aus Zürich, nicht aus Deutschland. Die deutschen Hersteller sitzen in Karlsruhe und München, machen es billiger — und einer von ihnen betreibt das älteste mexikanische Restaurant des Landes.

Wenn man in deutschen Mexiko-Onlineshops nach nixtamalisierten Tortillas sucht, stößt man immer zuerst auf dieselbe Marke: Masamor. Bio, hübsch verpackt, in Gelb und Blau, 15,20 € das Kilo.

Wir sind davon ausgegangen, dass das die deutsche Nixtamal-Manufaktur ist. Das war falsch.

Masamor ist schweizerisch. Und die Hersteller, die tatsächlich in Deutschland produzieren, findet man in keiner dieser Listen — obwohl einer von ihnen seit über dreißig Jahren in Karlsruhe Tortillas macht und das nach eigener Angabe älteste noch bestehende mexikanische Restaurant Deutschlands betreibt.

Hier ist, was wir am 24. September 2026 auf den Websites der Hersteller selbst gefunden haben.

Warum das überhaupt wichtig ist

Nixtamalisierung heißt: ganze Maiskörner werden in Kalkwasser gekocht und ziehen gelassen, bis sich die Schale löst; erst danach werden sie gemahlen. Das Verfahren ist ungefähr dreitausend Jahre alt, es macht den Mais überhaupt erst zu Teig, und es setzt Nährstoffe frei, an die man sonst nicht herankommt.

Die Alternative ist, Maismehl mit Wasser anzurühren. Das geht schneller, es ist billiger, und es schmeckt anders.

Beide Wege ergeben etwas, das man „Tortilla" nennen darf. Nur eben nicht dasselbe.

Masamor: Zürich, nicht Deutschland

Die Marke hat eine eigene Website — allerdings nicht unter der Endung, die man erwartet.

masamor.de ist leer. Die Domain löst auf, liefert aber die Standardseite des Hosters: „Diese Domain wurde soeben freigeschaltet. Es wurden noch keine Inhalte hinterlegt." masamor.com steht bei einem Domainhändler zum Verkauf. masamor.eu und masamor.shop existieren gar nicht.

Die lebende Seite ist masamor.ch. Im Fuß steht der Betreiber: Colectivo Anonimo GmbH, Aargauerstrasse 250, 8048 Zürich, Switzerland — und, in derselben Zeile, der Satz „Not open to the public:)".

Auf der Startseite listet die Marke ihre eigenen Merkmale auf: „Artisan. Hand-made. Con AMOR. Fresh ground Nixtamal. Organic. Made in CH. No preservatives. Woman and Mexican Owned. 1% of profit donated to SuizaProMexico."

Und auf der Seite „About": „MASAMOR was borne out of necessity. Switzerland now has its own nixtamal tortilleria and molino!" Der Mais wird dort nach eigener Angabe frisch auf einem Vulkanstein gemahlen — im Gegensatz zu Produkten aus „dry corn flour, gelling agents and preservatives".

Das ist eine schöne Geschichte. Sie spielt nur 300 Kilometer weiter südlich, als die deutschen Shops vermuten lassen.

Der deutsche Händler, der die Marke führt, schreibt es übrigens korrekt hin — man muss nur die Produktbeschreibung lesen: „1kg Paket Bio Tortillas der beliebten Schweizer Marke Masamor" und „Dieses Produkt ist in der Schweiz nach Bio Standards zertifiziert". Es steht da. Es steht nur nicht in der Überschrift.

Eine Kleinigkeit am Rande, weil sie zeigt, wie genau man Marketingtexte lesen muss: Die About-Seite wirbt mit „only 4 ingredients: organic corn, water, sea salt… And mucho amor!" Die Produktseite wiederum sagt „Only 3 ingredients". Beides stimmt, je nachdem, ob man die Liebe mitzählt.

Mexican GoodFood, Karlsruhe: der deutsche Hersteller, den niemand nennt

Wenn man bei México Mágico die frischen Nixtamal-Tortillas anklickt, steht im Datensatz ein Herstellername, der auf keiner Verpackungsfotografie auffällt: MEXICAN GOODFOOD.

Die Firma existiert, und zwar handfest. Das Impressum nennt: Mexican GoodFood GmbH, Inhaber und Geschäftsführer Fabian Koffler, Rastatter Straße 101, 76199 Karlsruhe, Amtsgericht Mannheim HR 737870, USt-IdNr. DE 336159315.

Die Firmengeschichte auf ihrer eigenen Seite ist die beste, die uns bei dieser Recherche untergekommen ist:

„Bereits 1960 reiste unser abuelo Albert zum ersten Mal nach Mexiko. Mit diesem Moment wurde seine Leidenschaft zur mexikanischen Küche geweckt."

Und weiter:

„1983 eröffnete er das El Taquito in Karlsruhe, das mittlerweile älteste bestehende mexikanische Restaurant Deutschlands."

Ein Großvater fährt 1960 nach Mexiko, eröffnet 1983 ein Restaurant in Karlsruhe, und die Enkel machen daraus einen Tortillahersteller. Ob El Taquito wirklich das älteste noch bestehende mexikanische Restaurant Deutschlands ist, können wir nicht unabhängig prüfen — es ist die Angabe des Hauses über sich selbst, und wir geben sie als solche wieder. Nachprüfbar ist die Jahreszahl 1983 auf ihrer Seite, nicht der Superlativ.

Der Preis: Mais-Tortillas, 10 Stück, 3,99 € — die Seite rechnet selbst auf 15,96 € pro Kilo um. Beschrieben als „nach traditionellem Nixtamal-Verfahren hergestellt", produziert „in Handarbeit".

Und hier eine Unstimmigkeit, die wir nicht unterschlagen. Unter „Zusätzliche Informationen" steht die Zutatenliste, wörtlich: „Zutaten: Mais, Wasser, Salz und Maismehl."

Maismehl in einer Tortilla, die als Nixtamal-Produkt beworben wird, ist erklärungsbedürftig. Es muss kein Widerspruch sein — auch nixtamalisierter Mais wird gemahlen, und Hersteller mischen aus Konsistenzgründen zurück. Aber die Seite erklärt es nicht, und wir lösen es nicht für sie auf. Wer Wert auf 100 % Vollkorn-Nixtamal legt, sollte vor der Bestellung nachfragen.

Zum Vergleich: Masamor gibt für dasselbe Produkt an, es enthalte ausschließlich Mais, Wasser und Salz.

Cometa, München: der Restaurantbetrieb, der zum Hersteller wurde

Der zweite deutsche Produzent ist bereits aus einem anderen Zusammenhang bekannt: La Taquería by Cometa, Zweibrückenstraße 9 in München, betrieben von der Mex-mex GmbH.

Der Betrieb verkauft seine Tortillas nicht nur im eigenen Lokal, sondern über einen eigenen Onlineshop. Auf der Produktseite steht:

„Maistortillas Cometa Tradicional 15cm 500gr. Nixtamalisiert. […] Diese Maistortillas sind eigenproduziert und nach traditionellen Methoden hergestellt."

Preis: 5,20 € für 500 g, von der Seite selbst mit 1,04 € je 100 g ausgewiesen — also 10,40 € je Kilo.

Auch hier eine Formulierung, die man bemerken sollte: Im selben Absatz heißt es, die Tortillas würden „aus feinstem Maisgrieß hergestellt". Grieß und frisch gemahlener Nixtamal sind nicht dasselbe Wort. Sie schließen sich auch nicht aus — nixtamalisierter Mais kann zu Grieß vermahlen werden. Wir stellen die Formulierung fest, ohne sie zu deuten.

Eine Warnung zum Sortiment: Derselbe Shop verkauft auch zugekaufte Tortillas einer importierten mexikanischen Marke. „Eigenproduziert" steht nur bei einem Teil der Artikel. Wer die selbst gemachten will, muss die Beschreibung lesen.

Der Preisvergleich, der die Sache umdreht

Alle drei Anbieter, umgerechnet auf ein Kilogramm fertiger Tortillas:

HerstellerPreis je kgWo produziert
Cometa, München10,40 €Deutschland
Mexican GoodFood, Karlsruhe15,96 €Deutschland
Masamor (Bio), 1-kg-Paket15,20 €Schweiz
Masamor (Bio), 500-g-Paket17,18 €Schweiz

Die bekannteste Marke ist die teuerste und die einzige, die nicht in Deutschland hergestellt wird. Der günstigste Anbieter ist eine Münchner Taquería, die man in keiner Produktliste findet, weil sie in erster Linie ein Restaurant ist.

Ein fairer Hinweis dazu: Masamor ist bio-zertifiziert, die beiden deutschen Anbieter werben nicht damit. Das ist ein realer Unterschied, der einen Teil des Preises erklärt. Ein Bio-Siegel ist allerdings keine Aussage über Nixtamalisierung — das sind zwei voneinander unabhängige Eigenschaften, und genau deshalb lohnt es sich, beide getrennt zu prüfen.

Und einer, der noch nicht angefangen hat

Vollständigkeitshalber: nixtamal.de ist registriert und gehört einer realen Firma — Nixtamal e.K., Bäckerberg 1, 38165 Lehre, Inhaber Daniel Bartels, Amtsgericht Braunschweig HRA 203125.

Auf der Seite steht bisher nur: „Bald ist es soweit: Tacos für die Region Braunschweig – Wolfsburg." Die Unterseite „About" enthält noch den unveränderten Platzhaltertext des Baukastens.

Das ist ein eingetragenes Unternehmen mit einer noch nicht fertigen Website. Ob dort schon etwas verkauft wird, wissen wir nicht — es gibt keine Produkte und keine Preise. Wir nennen es, damit niemand denkt, wir hätten es übersehen.

Nicht existiert haben dagegen sieben weitere Adressen, die wir getestet haben: tortilleria.berlin, lacasadelatortilla.de, tortillas-manufaktur.de, masa-madre.de, elnixtamal.de, maiztortilla.de und tortilla-manufaktur.de — alle ohne DNS-Eintrag.

Was die Industrie dazu sagt: nichts

Die naheliegende Gegenprobe war, bei den großen Tortillamarken nachzusehen, ob ihre Maistortillas nixtamalisiert sind.

Das ist nicht zu beantworten, und zwar aus einem einfachen Grund: Weder Old El Paso noch Santa Maria veröffentlichen online eine Zutatenliste.

Old El Paso schreibt auf jeder geprüften Produktseite: „Wir empfehlen daher vor dem Kauf immer die Zutatenliste auf der Produktverpackung zu überprüfen, um die genaue Zusammensetzung zu ermitteln."

Bei Santa Maria existiert eine Rubrik „Inhaltsstoffe", sie ist aber leer; stattdessen steht dort der Hinweis, dass die Angaben auf der Packung von denen der Website abweichen können und im Zweifel die Packung gilt.

Beide veröffentlichen Nährwerttabellen. Beide veröffentlichen keine Zutaten.

Daraus folgt nicht, dass diese Produkte nicht nixtamalisiert wären. Es folgt, dass man es der Website nicht entnehmen kann — und dass die kleinen Hersteller in Karlsruhe, München und Zürich in diesem einen Punkt transparenter sind als die Konzernmarken: Sie schreiben hin, was drin ist, auch wenn es dann jemand wie wir nachliest und Fragen stellt.

Die kurze Fassung

In Deutschland produziert: Mexican GoodFood (Karlsruhe) und Cometa (München). Beide beschreiben ihr Verfahren als Nixtamal, beide sind über ihre eigenen Shops zu bekommen, Cometa ist deutlich günstiger.

Nicht in Deutschland produziert, aber überall in deutschen Shops: Masamor, aus Zürich. Bio, teurer, und in der Zutatenliste konsequenter.

Noch nichts zu kaufen: Nixtamal e.K. in Lehre.

Keine Auskunft: die beiden großen Supermarktmarken.

Und die praktische Regel, die aus alldem folgt: Das Wort „Nixtamal" auf der Packung ist ein Anfang, keine Antwort. Die Zutatenliste steht auf der Rückseite, und die Frage, die man stellen kann, lautet: ganzes Korn oder Mehl?

Edmond Bojalil
Edmond Bojalil

Gründer, Recetas Mexas

Mexikaner aus Puebla, IT-Profi und Foodie. Autor von über 1.000 authentischen mexikanischen Rezepten, angepasst für Küchen auf der ganzen Welt. Lebt seit 2018 in Madrid.

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